Es war das dritte Mal, dass ich beim World Run mitmachen durfte. Nach München und Dublin wurde Stavanger für dieses Jahr ausgewählt. Die Vorbereitungen fielen leider nicht so gut aus wie gewünscht, aber getreu dem World Run Motto “Run for those who can’t” ging ich mit einer ordentlichen Portion Elan an die Sache.

Worum es beim World Run geht

Der World Run ist eine von Wings for Life ins Leben gerufene Veranstaltung, die nun schon das vierte Mal stattfindet, um die Knochenmarks-Forschung zu fördern. Sämtliche Einnahmen der Gebühren gehen direkt an die Stiftung und durch den großen Anklang des Wettbewerbs kommen noch viele weitere freiwillige Spenden dazu. Das Laufevent findet – wie der Name vermuten lässt – weltweit statt. 2017 fand der Wettbewerb am 07. Mai zeitgleich an 25 Orten rund um den Globus statt. Gestartet wird also je nach Ort mittags, abends oder mitten in der Nacht.

Das einmalige ist jedoch neben der weltweiten Austragung ist jedoch das Ziel. Es gibt keine feste Ziellinie, die man überquären muss. Sie holt jeden einzelnen erbarmungslos ein! Das Ganz funktioniert folgendermaßen: Exakt eine halbe Stunde nach dem Start setzt sich an jeder Location ein Auto in Bewegung, dass anfangs mit einer Geschwindigkeit von 15 km/h die Strecke abfährt. Sobald dich das Auto einholt, ist das Rennen für dich vorbei und du wirst mit Bussen zum Ziel zurück gebracht. Ab da heißt es Daumen drücken für die verbleibenden Läufer. Damit das aber nicht langweilig wird, verhöht das Auto (das sogenannte Catcher Car) in bestimmten Abschnitten seine Geschwindigkeit, sodass auch wirklich alle eingeholt werden. Der jeweils schnellste Mann bzw. die schnellste Frau jedes Austragungsorts wird als Sieger erklärt, das Ranking funktioniert aber ansonsten global, sodass ca. fünf Stunden nach Start nur noch eine Hand voll hartgesottener Läufer und Läuferinnen um den Sieg kämpfen.

Es geht jedoch nicht nur darum, sondern hauptsächlich um das Laufen an sich und zwar für alle, die nicht (mehr) dazu in der Lage sind. Doch natürlich wird das Rennen auch in Rollstühlen bestritten, sodass wirklich jeder, egal ob jung oder alt, Hobbyläufer oder Ultrarunner, mitmachen kann!

Seit 2016 wird der Lauf (mit Ausnahme der USA) nur noch jeweils an einem Ort pro Land ausgetragen. Für Deutschland hat sich München gegen Darmstadt durchgeboxt. Wer jedoch nicht in der Nähe einer Eventlocation wohnt ist noch nicht am Ende angelangt. Es gibt die Möglichkeit, über die World Run App teilzunehmen. Hierbei kann man zeitgleich mitlaufen, während die App das Tracking übernimmt und das Catcher Car ersetzt. Für ein besseres Feeling gibt es viele über den Erdball verteilte App-Runs, also Veranstaltungen für App-Teilnehmer. Hier treffen sich Läufer, um mit der App und entsprechenden Verpflegungsstationen gemeinsam zu laufen.

Dieses Event ist weltweit einzigartig und fesselt extrem viele Menschen, sowohl Läufer als auch Zuschauer am Streckenrand oder an den Fernsehergeräten. Bisher konnte der Lauf jedes Jahr neue Rekorde verzeichnen, dieses jahr nahmen über 155.000 Menschen teil und es konnten 6,8 Mio € an Spenden gesammelt werden. Wenn man schon nicht für sich selbst läuft, dann doch wenigstens für einen guten Zweck.

Seit meinem Wettkampf-Debüt 2015 beim World Run in München hat es mich gepackt und ich musste zusammen mit ein paar Freunden das Beste aus dieses Event holen und jedes Jahr an einem anderen Ort teilnehmen. Letztes Jahr konnten wir so in der irischen Hauptstadt an den Start gehen und haben uns noch beim Event während der Verfolgung der letzten Läufer auf dem Bildschirm für Norwegen entschieden.

Der Stadtplatz & Startbereich von Stavanger

Auf nach Norwegen

Am Donnerstag Morgen ging es von Münchener Flughafen über Amsterdam nach Stavanger. Amsterdam kannte ich ja schon, Norwegen wär für mich buchstäbliches Neuland, noch nie war ich so weit nördlich. Schon beim Anflug auf den Flughafen konnten wir die vielen mit weißem Puderzucker bedeckten Berge sehen, die ein paar Kilometer nach der Küste langsam in die Höhe ragten. Das war dann doch etwas anders, als die üblichen Urlaubsziele. Trotzdem hatten wir enormes Glück mit dem Wetter, es war für nächsten fünf Tage Sonnenschein bei ca. 17 Grad vorhergesagt. Viel angenehmer als bei uns in München!

Stavanger selbst ist eine kleine Stadt in Süden Norwegens. Hier lag kein Schnee, was mir auch ganz recht war. Wir hatten uns ein paar Wochen vorher einen sehr groben Plan zurechtgelegt, was wir alles sehen wollten. Nach ein wenig Recherche fielen jedoch ein paar Ziele aufgrund von Schnee, zu knapper Zeit oder aber zu großer Anstrengung weg. Wir wollten ja für Sonntag fit bleiben und uns nicht schon vorab verausgaben. Wir wollten jedoch unbedingt den Preikestolen sehen, was wir für den nächsten Tag eingeplant hatten.

Wie du auf dem Bild oben sehen kannst ist der Stadtplatz sehr gemütlich, was man auch an den vollen Restaurants sehen kann, die bereits ab Mittag voller sonnesüchtigen Gäste ist. Auch wir konnten einen Platz ergattern und haben so den ersten Abend langsam ausklingen lassen, bis es uns dann zu kalt wurde und wir in unser Appartment geflüchtet sind. Wir haben uns übrigens für eine Airbnb-Wohnung entschieden, da wir so flexibler mit der Tagesgestaltung waren und einen gemeinsamen Raum für die Abende hatten.

Die Aussicht bis auf die schneebedeckten Berge in der Ferne

Preikestolen

Der nächste Tag begann früh, um halb acht standen wir am Hafen und warteten auf die Fähre. Die sollte uns nach Tau bringen, einem kleinen Dort in der Nähe des Preikestolen. Dieser ist eine natürliche Steinplattform, die wie ein großer Würfel aus dem Berg herausragt. Was auf den Fotos schon beeindruckend aussah, sollte jedoch in natura noch viel schöner sein also waren wir alle schon gespannt. Da der Fels ein beliebtes Touristenziel ist, entschieden wir uns für eine frühe Fähre und nahmen nur den Bus zum Fuß des Berges ohne Tour, die dann die ganzen Touristen ankarrten. Unser Bus war zwar auch so voll, das verteilte sich aber schnell und wir hatte unsere Ruhe und konnten Fotos machen und die Aussicht genießen.

Spätestens jetzt hatte mich Norwegen gepackt, die Landschaft hier war wirklich wunderschön. Neben dem vielen Grün hab es auch die typischen Felsen, die überall aus dem Boden ragten und ab einem gewissen Punkt wurde es sogar moorig. Der Weg war jedoch mit großen Felsen gut befestigt und so konnten wir den Aufstieg mit trockenen Schuhen genießen – zumindest fast. Unterwegs sahen wir viele kleinere Seen, die die Felsen herum im Wasser spiegelten.

Wir auf dem Pulpit Rock

Oben angekommen konnten wir nun endlich den berüchtigen Preikestolen sehen, auf dem zum Glück nur ein paar Menschen standen. Am Rand des Felsens saßen viele Touristen und ließen ihre Beine gemütlich in die Tiefe hängen. Von der Klippe ging es direkt gut 600 Meter hinab in den Lysefjord, der sich bis zum Horizons ins Landesinnere erstreckte. Faszinierend war auch die Tatsache, dass sich ein Kreuzfahrtschiff durch den Fjord wagte, das Wendemanöver konnte ich leider nicht mitverfolgen.

Zurück in Stavanger holten wir unsere Startunterlagen ab und durften uns hier sogar Shirts in unserer Größe aussuchen, war ich sehr cool fand. Es ist immer mit ein wenig Glück verbunden, ein knappes Jahr vorher seine Größe zu erraten. Noch dazu in einem anderen Land, die bekanntlich andere Größen haben als wir hier. So wurde aus dem M ein S und das Shirt passte dieses Jahr wieder. Danach ließen wir uns eine Pizza schmecken und quatschten noch über den folgenden Tag.

Dieser stand ganz im Zeichen der Entspannung, wir wollten uns noch ein wenig die Stadt ansehen und die großen Schwerter aus Stein besichtigen, die ein paar Kilometer außerhalb von Stavanger direkt an der Nordsee stecken. Sehr interessant und einen kleinen Ausflug wert, auch weil nicht so viel Andrang herschte und wir uns so gemütlich ein Bild davon machen konnten. Die Trophäen für die beiden Sieger des World Runs in Norwegen waren übrigens in Form eines dieser Schwerter, sehr stylisch.

Abends durften wir feststellen, dass Norwegen wohl andere Regeln im Bezug auf den Erwerb von Alkohol am Abend hat. So bekamen wir kein Bier mehr und durften uns übers Wochenende mit kindergerechten Alternativen abfinden. Das war aber halb so wild, immerhin geht es bei einer Nudelparty nicht um das Bier!

Raceday

Endlich war der Sonntag gekommen, ich hatte nicht sonderlich gut geschlafen und freute mich insgeheim schon auf mein eigenes Bett in zwei Tagen aber das war es mir wert. Nach dem Frühstück ging es auch schon in die Laufklamotten, ich habe mich für meine Brooks, eine kurze Hose (die lange hatte ich zu Hause vergessen), lange CEP-Socken und ein langes Oberteil entschieden. Dazu noch ein Buff gegen den Wind und wie immer meine Sonnenbrille. Zum ersten Mal in dieser Saison hatte ich auch an meinen Brustgurt gedacht, auch wenn ich da nur selten genauer hinsehe.

Meine Laune war gut wie immer vor einen Wettkampf, körperlich war es jedoch noch etwas mau. Wir sind gegen Mittag auf dem Stadtplatz angekommen, bis dahin war es noch recht ruhig. Nur vereinzelt hat man Teilnehmer im Neongelben Puma-Shirt gesehen, die meisten waren noch in der Schlange zum Startnummer abholen.

Um 12:30 Uhr fing dann das Warm Up an, zuerst durften wir uns ein Interview mit einer Teilnehmerin anhören. Sehr interessant – so sah es zumindest aus, wir haben ja kein Wort verstanden. Direkt im Anschluss ging es dann mit dem eigentlichen Workout los, das war recht lustig, die Übungen waren an sich gut, in der zweiten Hälfte waren es dann auch Paar-Übungen, wo man sich meistens an den Händen hielt und gleichzeitig seine Übungen durchführte. Da der gesamte Platz etwas schräg war, gestaltete sich das etwas schwierig. Wir haben uns dann für eine Runde Einlaufen entschieden und sind dann in den vorderen Bereich gegangen, um uns aufzustellen.

Das mittlerweile traditionelle Gruppenselfie vor dem Start

Im vordersten Startbereich ging es dann kurz vor Start siegessicher daran, die Uhren mit GPS zu versorgen. Wir warteten in den vorderen Reihen aufgeregt nach ein paar klischeehaften Selfies auf den Countdown. Dieser wurde jedoch auf einen Startschuss verkürzt und so ging es ohne Vorwarnung los. Ein Griff zur Uhr und schon ging es los, endlich war es wieder Zeit für den World Run. Ich war gut drauf und fühlte mich durch den Müsliriegel auch fit und so ging es in gemütlichem Tempo los. Von wegen, wir absolvierten die ersten zwei Kilometer in einer 4:30er Pace. Die Strecke begann vom Start aus mit einer kleine Schleife, die den Stadtplatz nach einem guten Kilometer kreuzte und dann langsam aus der Stadt hinaus führte. Die Pace war mir dann doch etwas zu schnell, also verabschiedete ich mich und verlangsamte mein Tempo auf mein Bauchgefühl. Mir ging es aktuell nur darum, über meine Distanz von letztem Jahr (19,67 km) zu laufen. Auch wenn das anch den ersten zwei schnellen Kilometern in weiter Ferne lag.

Jetzt ging es aber mit einer schönen 5er Pace weiter, ich konnte mir die Landschaft und die Zuschauer um mich herum ansehen und den Lauf genießen. Bei Kilometer vier kam sogar schon die erste Verpflegungsstation. Gewohnheitsgemäß gibt es diese alle fünf km, die erste wollte ich an sich überspringen aber die Sonne kam raus und mein Mund war trocken als nahm ich mir einen Schluck Wasser und lief weiter. Bisher lief es jedoch gut und die nächsten Kilometer ging es in gleichem Tempo weiter. Was jedoch auffällig war, waren die vielen Hügel, die nicht weniger werden sollten, und die Straßenseitenwechsel. Man ist ja von München verwöhnt. Dort werden Straßen für eine Lauf gesperrt, die Menschen feuern einen wenn dann aus dem Auto an. In Norwegen ist das anders. Es ging immer der Masse nach, im Kilometertakt wechselten wir die Straßenseite, weil Autos uns langsam entgegenkamen. Es wurde angenehmer, als uns ein paar Fahrer applaudierend aus dem Weg hupten, als wir auf der Straße und nicht auf dem Fußgängerweg liefen. Aber wie heißt es so schön: andere Länder, andere Sitten.

Das schien auch niemanden groß zu stören, die Stimmung war weiterhin gut und die Masse immer noch um mich herum. Die Strecke führte jedoch leider nicht direkt an der Küste entlang, was zwar für die Ohren mit Sicherheit günstig war, fürs Auge aber etwas trist. Es ging durch Ortschaften, wirstreiften am Industriegebiet und liefen an zahlreichen Bauernhöfen vorbei. Ich fühlte mich fast heimisch. Bis Kilometer 18 konnte ich meine Pace halten und ließ auch keinen Verpflegungsstand aus. Die Sonne war nach wie vor recht hartnäckig und ich froh zum meine Sonnenbrille. Unter dem Longsleeve wurde es so langsam knackig warm und ich freute mich über jeden Schluck wasser. Das änderte sich jedoch schlagartig mit dem Auftauchen ein paar Wolken, die es gefühlt um ein Grad abkühlen ließen. Schon war ich wieder froh um meine Klamottenwahl.

Mit einem Blick auf die Uhr stellte ich fest, dass ich nicht nur gut in der Zeit für eine neuen Word Run Rekord war, sondern generell Bestzeit lief. Das war Motivation genug, den eigentliche Ziel – den Halbmarathon – in Angriff zu nehmen. Noch war das Catcher Car knapp 15 Minuten hinter mir, die Chancen standen also mehr als gut. Weiter ging es, die Verpflegungsstation bei Kilometer 20 wurde schnell abgehakt und so ging es noch einen guten Kilometer weiter. Leider gab es hier kein HM-Schild was aber kein Weltuntergang war, ich hatte auch so Grund zum Feiern für meine neue Bestzeit von 01:47:37. Zumindest innerlich, denn es ging ja noch weiter!

Die letzten Kilometer wurde das Feld merklich leerer und ich hatte ein wenig Freiheit mit dem Tempo. So langsam merkte ich jedoch auch die Distanz, weiter als jetzt war ich noch nie. Meine Beine waren fit wie immer, der Rest wollte aber nicht mehr. Bei 23 km angekommen war es dann Zeit für ein paar Schritte im normalen Tempo und vor allem Zeit für die GoPro. Ich konnte das Catcher Car vertraut hupen hören und so konnte ich mich auf meine letzen Meter einstellen, also Zähne zusammenbeißen, Gas geben und Film ab!

Als mich das Catcher Car einholte

23,47k

Aus, vorbei. Das war’s für dieses Jahr, das Catcher Car zog nach 23,47 km an mir vorbei und beendete meinen Lauf. Mein weitester bisher und noch dazu eine neue persönliche Bestzeit für den Halbmarathon. Ich war vollkommen zufrieden! Nicht zuletzt, weil ich direkt vor dem nächsten Verpflegungsstand eingeholt wurde und mir so direkt ein kühles Red Bull schnappen konnte. Das hätte ich nie gedacht, ich war fix und fertig aber auch motiviert für den nächsten Wettkampf. Eine Besteit will überboten werden! Nach ein paar Minuten kam Maik, den ich bei Kilometer 20 überholt hatte, auch zum Stand und wir konnten auf unseren Erfolg anstoßen. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam dann auch der Bus und sahen uns noch unterwegs den Livestream der verbleibenden Teilnehmer an.

Dieses Event fasziniert mich immer wieder. Nicht nur wegen der Vielfalt der Kulturen sondern wegen der Vielzahl an Charakteren. Der World Run hat für jeden seinen ganz eigenen Reiz. Sei es, um seinen inneren Scheinehund zu überwinden und mit dem Laufen anzufangen, mit Freunden zu laufen oder seine Bestzeit oder weiteste Distanz zu überbieten. Das Ziel ist für alle gleich, das Catcher Car so lange wie möglich hinter sich zu lassen und im Nachgang zusammen am Start die Profis zu bewundern.

Aber auch jede Location bzw. jedes Land bringt seine Eigenheiten mit sich. So ist in München alles durchorganisiert, es gibt viele lokale Sponsoren die auch noch etliche andere Läufe sponsoren und mehr Show um das Event. Beispielsweise eine Nudelparty am Vorabend nach der Startnummernvergabe. In Dublin oder Stavanger ist das Event einfacher aufgestellt, was jedoch nichts zu sagen hat, da jede Location ihren eigenen Charme mit sich bringt.

Mir hat es auch dieses Jahr sehr gut gefallen, die Auswahl für nächstes Jahr ist noch nicht getroffen, jedoch schwanke ich aktuell zwischen Chile und Brasilien. Doch das hat noch Zeit, weiter geht es mit dem Halbmarathon in Regensburg Ende des Monats. Machs gut World Run, wir sehen und im nächsten Jahr wieder, dann mit neuen Zielen!

Du frägst dich wer gewonnen hat? Aron Anderson. Ein Schwede, der in Dubai gelaufen ist. Im Rollstuhl. 92,14 km. Das sollte als Anreiz genügen. Falls du jetzt noch nicht läufst, laufe! Fang damit an, es macht nicht nur Spaß sondern hält dich auch fit und lässt dich neue tolle Menschen kennen lernen, oder hast du schon einmal einen schlecht gelaunten Läufer gesehen?